Geschichte der GWG

Betrachtet man die Geschichte der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte e.V. (GWG), so verdankt sich ihre Entstehung einem ganzen Bündel von historischen Bedingungen:

Zu Beginn der sechziger Jahre begann die Diskussion über die notwendigen Reformen der deutschen Universität, neue Hochschulen entstanden, die Studenten der ersten Nachkriegsgeneration waren geprägt von kritischem Geist und und fragten nach dem Verhalten ihrer Lehrer in der Zeit des Nationalsozialismus. In dieser Zeit, etwa 20 Jahre nach Kriegsende, bröckelte die Mauer des unbußfertigen Schweigens und auch die Verstrickung von Hochschullehrern in der Zeit des Nationalsozialismus wurde Stück für Stück publik. Gleichzeitig waren die Vorwehen der Studentenrevolte von 1967/68 spürbar.

Zu diesem Zeitpunkt standen der Wissenschafts- und Medizingeschichte als Publikationsorgan Sudhoffs Archiv (gegründet 1907) und als Fachgesellschaft die Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik (DGGMNT) zur Verfügung, eine mitgliedsstarke populärwissenschaftliche Gesellschaft. Den neuen Lehrstuhlinhabern, die die Wissenschaftsgeschichte und die an den medizinischen Fakultäten in der Reform des Medizinstudiums etablierte Medizingeschichte aus ihrer wenig angesehenen Randexistenz führen wollten und um Anerkennung und Akzeptanz durch die etablierten Geschichtswissenschaften bemüht waren, genügte es nicht mehr, Tagungen in einer kleinen Gruppe von Traditionalisten, im Sinne von „Familientreffen“ (Anke Jobmann: Familientreffen versus Professionselite? Berlin 1998) durchzuführen. Ein Forum wissenschaftlicher Arbeit auf hohem Niveau wurde gebraucht. Als im Januar 1964 der Vorstand der Gesellschaft durch den Versuch eines durch seine Aktivitäten im Dritten Reich schwer belasteten Mitglieds sich in Göttingen zu habilitieren, in Misskredit geriet und der öffentliche Streit bis zur Jahrestagung in Würzburg nicht beigelegt werden konnte, beschloss eine Gruppe von Hochschullehrern am 6. Oktober 1964 in Münster die Gründung einer neuen Gesellschaft. Der „Fall Berg“ – dies muss festgehalten werden – war letzlich der Anlass aber nicht der Grund für den Versuch eines Neuanfanges.

Überzeugt davon, dass die Wissenschaftsgeschichte eine wesentliche Rolle für das Verständnis einer längst durch Wissenschaft erklärten und von Technologie aufrechtgehaltenen Gesellschaft hat, erschien es „den Gründern der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte als ein brennendes Problem, den allgemeinen Grundproblemen der Wissenschaften eine entscheidende Anstrengung zu widmen und das allgemeine Phänomen „Wissenschaft“ im überdisziplinären Kreis zu analysieren“ (Rothschuh). Zur Erreichung dieses Zieles sollte die Gesellschaft drei Bedingungen erfüllen:

  1. Wissenschaftsgeschichte dürfte nicht auf die Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik beschränkt sein, sondern die Geschichte aller Wissenschaften (im deutschen Wortsinn) umfassen, von der Geschichte der Theologie bis zur Geschichte der Technik, also die Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften einschließen.
  2. Die Tagungen der Gesellschaften sollten ein nach Diskussion gewähltes, sorgfältig vorbereitetes Thema haben, zu dem im Prinzip alle Disziplinen Beiträge liefern konnten. Die Referate sollten nicht länger als 30 min umfassen, damit mindestens eben diese Zeit zur gründlichen Diskussion bereit stände.
  3. Zur Hebung des wissenschaftlichen Niveaus sollte die Gesellschaft keine Publikumsgesellschaft, sondern eine Zuwahlgesellschaft sein. Neue Mitglieder wurden in geheimer Wahl auf Vorschlag eines Mitgliedes, dem zwei schriftliche Voten zugefügt waren, gewählt. Die Promotion war in der Regel Voraussetzung hierfür. Auch sollte die Mitgliederzahl auf 100 Personen beschränkt werden.

Der Einladung zum 1. Symposion der Gesellschaft am 23./24. Januar 1965 folgten 24 Teilnehmer. Unter der Leitung von Karl Eduard Rothschuh wurden fünf Referate gehalten zur gegenwärtigen Situation der Medizingeschichte (Schipperges), der Pharmaziegeschichte (Schmitz), der Geschichte der exakten Naturwissenschaften (Fleckenstein), der Wissenschaftsgeschichte in den USA (Ackerknecht) und der Geistesgeschichte im Rahmen der Wissenschaftsgeschichte (Schoeps). Danach wurde die „Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte“ offiziell konstituiert und der 1. Vorstand gewählt: Präsident (Rothschuh), Vizepräsident (Lichtenthaeler), Schriftführer (Seidler), Schatzmeister (Philipp). Vom 20. – 22. Oktober 1965 fand dann in Münster das erste ordentliche Symposion mit 12 Referenten und 30 Teilnehmern statt. 20 neue Mitglieder wurden aufgenommen, so dass Ende 1965 die Zahl der Mitglieder schon 54 betrug. Ein erfolgreicher Anfang war gemacht.

Seit diesem Anfang hat sich die GWG, aber auch die DGGMNT kontinuierlich entwickelt. Mit den Berichten zur Wissenschaftsgeschichte, die im Verlag VCH Wiley erscheinen, verfügt die GWG über ein erfolgreiches Publikationsorgan, in dem die in der GWG etablierte Kultur des offenen fachlichen Diskurses national wie international sichtbar wird. Die Jahrestagungen der GWG bieten heute mehr denn je ein Forum zum Austausch über die Geschichte der Wissenschaften einschließlich der damit verbundenen methodischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen.

Die DGGMNT hat inzwischen ihre Vergangenheit wissenschaftlich aufgearbeitet und ist seit vielen Jahren eine lebendige Fachgesellschaft. Die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung der Gesellschaften sowie der rege wissenschaftliche Austausch zwischen ihren Mitgliedern wird in den seit 2006 im Rhythmus von drei Jahre gemeinsam durchgeführten Jahrestagungen greifbar.